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Im Projekt “Code of Conduct Demokratische KI” entwickelte D64 gemeinsam mit über 30 zivilgesellschaftlichen Organisationen eine Selbstverpflichtung für den verantwortungsvollen Einsatz von KI. Es geht um Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, die KI gemeinwohlorientiert prägen sollen. – Wir sprachen mit Anke Obendiek, der Projektleiterin.

Anke, was ist die Idee des CoC?

Die Grundidee ist, Organisationen einen Orientierungsrahmen für den informierten und reflektierten Umgang mit KI an die Hand zu geben. Es geht darum, nicht einfach nur abzuwarten, was große Tech-Monopole vorgeben. Sondern wir möchten aktiv eigene Standards setzen. Auch in der Zivilgesellschaft setzen immer mehr Organisationen KI-Systeme ein. Daher ist es zentral, Werte und Gemeinwohlorientierung von Anfang an mitzudenken. Der Code of Conduct soll auch Organisationen unterstützen, die wenig eigene Kapazitäten haben, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und einen verantwortungsvollen Umgang im Alltag zu finden. Dafür haben wir außerdem drei praxisnahe White Paper veröffentlicht. 

Was meint “demokratische KI”?

Mit demokratischer KI meinen wir vor allem: Möglichkeiten zur Mitgestaltung und Teilhabe. Momentan kontrollieren einzelne große Tech-Firmen fast die gesamten KI-Infrastrukturen, Rechenkapazitäten und Algorithmen. Da gibt es für den Rest der Gesellschaft kaum Möglichkeiten, sich wirklich einzubringen oder mitzuentscheiden. Mit dem Code of Conduct wollen wir zeigen: Es gibt trotzdem Handlungsmöglichkeiten für Akteur*innen, die sich nicht am Profit, sondern am Gemeinwohl orientieren. 


Für wen ist der Code of Conduct geeignet – nur für die Zivilgesellschaft oder auch für andere?

Der Code of Conduct wurde zwar von zivilgesellschaftlichen Organisationen entwickelt – und es war uns auch sehr wichtig einen Austauschraum jenseits von Profitinteressen zu schaffen – aber er ist definitiv nicht nur für sie gedacht. Uns war von Anfang an wichtig, dass auch Unternehmen, öffentliche Institutionen oder Einzelpersonen unterschreiben können, wenn sie unsere Werte teilen. Letztlich ist er für alle relevant, die KI sinnvoll nutzen wollen, ohne dabei die eigenen Prinzipien über Bord zu werfen.

Warum ist euch das Thema wichtig? Hattet ihr Lust drauf, gab es eine Erwartung an euch, eine Förderung etc.? Und wie lief der Prozess ab? 

Wir bei D64 haben zwar viel digitalpolitische Expertise, merken aber oft, dass das Thema in der breiten Öffentlichkeit immer noch als Nische wahrgenommen wird. Deshalb suchen wir gezielt die Zusammenarbeit mit Organisationen, die eigentlich ganz andere Schwerpunkte haben, aber natürlich ebenso von der digitalen Transformation betroffen sind. Gerade auch um eine unkritische Nutzung von KI in der Zivilgesellschaft zu vermeiden, haben wir ein Förderprojekt eingereicht und wurden über das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend in der Förderlinie Gemeinwohlorientierte KI auch seit 2024 gefördert.

Den Prozess haben wir wirklich co-kreativ gestaltet: Wir haben in vier größeren Community-Treffen und vielen digitalen Arbeitstreffen zusammengearbeitet und gemeinsam auf die Herausforderungen und Wünsche aus der Praxis der verschiedenen Organisationen geschaut. Dann haben wir Gemeinsamkeiten identifiziert und überlegt, wie der Code of Conduct angepasst an die Schwerpunkte und Handlungsräume der Zivilgesellschaft gestaltet werden kann.

Welche Aspekte sind im Code of Conduct geregelt?

Insgesamt haben wir acht gleichberechtigte Grundprinzipien festgelegt: Abwägung der Nutzung, Menschenzentrierung, Transparenz, Teilhabe und Partizipation, diskriminierungskritische Haltung, Verantwortung und Verantwortlichkeit, Kompetenzen und ökologische Nachhaltigkeit. Für jedes Prinzip gibt es eine konkrete Selbstverpflichtung, wie etwa die Offenlegung des KI-Einsatzes bei Audio-, Video- und Tonmedien und Übersetzungen sowie bei komplett oder wesentlich KI-generierten Texten. Insbesondere die Abwägung der Nutzung war uns sehr wichtig. Es sollte vor dem Einsatz von KI immer geprüft werden: Gibt es einen konkreten Mehrwert für die Organisation und meine Zielgruppen und überwiegt dieser Mehrwert die Risiken, wie Ressourcenverbrauch oder Diskriminierungspotenziale?

Wie hilft mir der Code of Conduct im Alltag meiner Organisation?

Er hilft vor allem dabei, das Thema KI intern überhaupt erst mal strukturiert anzustoßen und dabei Ängste oder auch überzogene Erwartungen abzubauen. Der Code of Conduct bietet einen festen Orientierungsrahmen, damit man nicht bei jedem neuen Tool neu anfangen muss. Man fängt bei den Werten an und prüft: Passt diese Anwendung eigentlich zu den Prinzipien und zu unserer Mission? So verhindert man, dass eine unreflektierte Nutzung die eigenen Ziele und Prinzipien untergräbt.

Warum sollte ich den Code of Conduct a) beherzigen und b) unbedingt unterzeichnen?

Wenn man ihn unterzeichnet, setzt man zwei wichtige Signale: Nach innen zeigt die Unterschrift den Mitarbeitenden und Aktiven, dass das Thema ernst genommen wird und dass es Orientierung gibt. Zu oft sind Einzelpersonen in Organisationen für das Thema verantwortlich, wenn eine Organisation unterschreibt, schafft sie damit Sicherheit und Verbindlichkeit für alle.  

Nach außen zeigt es: Wir verfallen nicht in die Passivität, sondern wollen mitgestalten. Das ist ein starkes Signal für die Handlungsfähigkeit der Zivilgesellschaft und all jener, die eben nicht nur Profit maximieren, sondern einen sinnvollen Umgang mit einer herausfordernden Technologie finden wollen.

Wie geht es weiter?

Aktuell suchen wir noch nach Förderpartner*innen, um die Community noch weiter aufzubauen, gemeinsame Lern- und Austauschräume zu schaffen und noch konkretere Umsetzungsmaterialien für unterschiedliche Organisationstypen entwickeln zu können. Wir sehen außerdem große Synergien zwischen den Herausforderungen von (kleinen) NGOs und kleinen und mittelständischen Unternehmen, die oft vor ganz ähnlichen praktischen Hürden stehen. In der Community des Civic Data Labs im Space KI fürs Gemeinwohl hat unsere Community zunächst eine neue Heimat gefunden. Dort können alle beitreten und mit uns weiterarbeiten. In jedem Fall freuen wir uns über Gelegenheiten zum Austausch!

Wer mehr erfahren möchte, findet alle Informationen auf der D64-Website oder direkt bei Anke Obendiek.