Direkt zum Inhalt wechseln

Interview mit Thomas Noppen, Mit-Gründer von GoVolunteer, über Erfolgsfaktoren und Fußangeln beim Aufbau eines Social Business


Was ist GoVolunteer?

GoVolunteer ist eine deutschlandweite Freiwilligen-Community. Wenn man ehrenamtlich tätig werden möchte oder sich generell für die Gesellschaft einsetzen, haben wir die passenden Projekte. Das Konzept ist super simpel: Einfach die Postleitzahl eingeben, einen Themenbereich fürs gewünschte Engagement auswählen, und zack gibt’s eine Liste mit Projekten, bei denen man helfen kann.  

Was verbirgt sich hinter den „Hautfarben-Buntstiften“?

Mit unseren Hautfarben-Produkten wollen wir auf das Thema Diversität aufmerksam machen. Wir möchten, dass unsere Gesellschaft toleranter denkt. Hierfür setzen wir im frühkindlichen Alter an. Das Problem kennt vermutlich jeder von früher – um Hautfarbe malen zu können, gab es immer nur den einen Stift. Nie gab es die für jede Hautfarbe wirklich die richtige Farbe.  

Wie kamt ihr auf die Idee?

Wir haben uns Gedanken gemacht, was eigentlich die Ursachen von Rassismus sind. Wir haben gesehen, dass das oft in der Sprache anfängt, also bei Begrifflichkeiten, die wir ohne viel nachzudenken jeden Tag verwenden. Deswegen dachten wir, setzen wir bei denen an, die Sprache gerade erst erlernen, bei Kindern. Und so sind wir auf die Idee gekommen, unsere Awareness-Arbeit durch ein haptisches Produkt noch griffiger zu machen. Herausgekommen ist ein Buntstifte-Set mit 12 verschiedenen Hautfarbentönen. Das kommt richtig gut an! 

Wie habt ihr die Idee umgesetzt? 

Nachdem klar war, dass wir Buntstifte verkaufen wollen, ging es schnell: Wir haben Designs erstellt, Buntstifte bestellt, und angesehen, welche Farbpalette passt und am Ende einen Onlineshop eingerichtet.  Es gab viele Themen, von denen wir vorher nicht wussten, wie man sie angeht, also haben wir es einfach per trial and error gelernt.
Da wir schnell positive Resonanz bekamen, haben wir einfach weitergemacht. 

Es gab viele Themen, von denen wir vorher nicht wussten, wie man sie angeht, also haben wir es einfach per trial and error gelernt.

Was war insbesondere in der Startphase wichtig?

Wir haben das Projekt von vornherein in einem größeren Kontext gesehen, nämlich im Sinne von „So Bunt ist Deutschland“. So konnten wir gut argumentieren, warum wir das eigentlich tun und warum es uns auf diese Buntstifte ankommt: Weil wir Kinder bzw. Familien mit Kindern ansprechen wollen. Weil wir das Thema Rassismus an der Wurzel angehen wollen. Ich glaube, dass es eingangs extrem wichtig war, dass die Menschen unser eigentliches Anliegen verstehen,  

Wie habt ihr euch eingangs finanziert?

Die ersten Buntstifte und Verpackungen haben wir aus eigener Tasche finanziert. Parallel haben wir haben unser Netzwerk gescannt, wer uns z.B. günstig Designs erstellen kann. Und natürlich haben wir versucht, dass wir die Produkte möglichst schnell verkauft bekommen, damit wir Budget haben, um das weiter zu finanzieren. 

Woher kamen die ersten Kund*innen?

Über Social Media Ads. Außerdem haben wir Samples im Netzwerk rumgeschickt, um mögliche Multiplikator*innen und Shops anzusprechen. So fanden wir Schritt für Schritt mehr Interessenten und Abnehmer*innen.

Was waren die Erfolgsfaktoren?

Erfolgsfaktoren waren einerseits der Ruf von GoVolunteer, und dass wir das als GoVolunteer-Projekt tun. Wir besaßen bereits eine hohe Glaubwürdigkeit, weil wir schon vor dem Verkaufsstart eine gewachsene, deutschlandweite Freiwilligen-Community waren. Die Leute wussten, das ist eine gemeinnützige Sache und eben nicht kommerziell. Gleichzeitig half uns auch die Art und Weise, wie wir es angegangen sind. Eben unternehmerisch, hands-on und sehr lean. Wir haben nicht lange überlegt und viel rumgeplant, sondern haben sehr schnell getestet, validiert, angepasst.  

Welche Fehler unterliefen euch?

Sicher haben wir auch Fehler gemacht, aber keine gravierenden, die das Konzept kaputtgemacht hätten. Wir haben viel gelernt, und daraus dann Anpassungen gemacht. Wir haben z.B. irgendwann die Farbpalette nochmal überarbeitet, weil wir die Rückmeldung bekamen, dass einzelne Farben nicht richtig passten. Parallel haben wir gelernt, wie wir uns intern besser organisieren, wie wir noch „leaner“ arbeiten, wie man sich manche Schleifen spart und fokussiert. Es war wichtig, bestimmte Dinge erst einmal falsch gemacht und dann daraus gelernt haben zu haben. 

Was bedeutet „lean arbeiten“ für euch?

Dass wir schnell Prototypen entwickelten, die ausprobierten und schnell Feedback bzw. Learnings berücksichtigten. Fast jedes Thema war neu für uns: Wir waren nicht besonders erfahren im Bereich E-Commerce und hatten auch keine Ahnung von Buntstiften. Wir wussten nicht, welche Designs gut funktionieren oder worauf man besonders achten muss. Gerade in einem politischen Umfeld kann das heikel werden. Aber uns war eben wichtig, es schnell auszuprobieren, anzupassen und sehr schnell umzusetzen. Ein begünstigender Faktor war sicher auch, dass wir uns den Luxus gar nicht leisten konnten, sonderlich viel Zeit drauf zu verwenden.  

Welche Rechtsform habt ihr?

GoVolunteer ist gemeinnützig, Hautfarben auch. Das bedeutet, dass die Einnahmen durch den Verkauf bei uns über den Zweckbetrieb gebucht werden. Dadurch sind uns auch Grenzen gesetzt, denn man muss immer dafür sorgen, dass man mit dem Zweckbetrieb die gemeinnützige Arbeit finanziert. Wir können nicht die Vorteile, die sich aus der Gemeinnützigkeit ergeben, nutzen, um einfach möglichst steuersparend ein Business aufzubauen. Aktuell machen wir das noch in diesem Rahmen. Allerdings wird sich irgendwann die Frage stellen, ob den Geschäftsbetrieb in eine ganz normale GmbH umwandeln. Die würde wiederum die Gewinne an den gemeinnützigen Betrieb abführen. Mit dem Finanzamt müssen wir klären, wann der Zeitpunkt ist, dass wir zu viel auf den Zweckbetrieb fokussieren. Aber an unserer Arbeit und unseren Zielen als Non-Profit wird sich dadurch nichts ändern. Wir möchten die Gewinne durch die Hautfarben-Produkte voll in die gemeinnützige Arbeit stecken.

Welche Fähigkeiten braucht man als Sozialunternehmer?

Ich war immer bereit, ein gewisses Risiko einzugehen.

Ich glaube, jeder Unternehmer oder jede Unternehmerin muss mit Unsicherheit leben und das auch irgendwie mögen. Gleichzeitig war es wichtig, dass das ich oder wir sehr hands-on unterwegs sind, dass wir eben schnell ins Tun gekommen sind, so einen gewissen Drive-to-implement hatten und schnell eine gewisse Ungeduld aufkam, Dinge auszuprobieren, zu machen und notfalls wieder zu ändern. Zuletzt ist es als Sozialunternehmer ganz wichtig, dass man auch eine Vision hat, die über reines Geldmachen hinausgeht.  

Wer sollte sich mit Sozialunternehmertum beschäftigen?

Sozialunternehmertum bietet Wege die eigene Arbeit unabhängiger zu finanzieren.

Es macht grundsätzlich Sinn für jede Organisation oder jeden, der Ideen hat. Für Organisationen, weil Sozialunternehmertum Wege bietet, die eigene Arbeit unabhängiger zu finanzieren, und so mehr freie Mittel zu generieren. Viele Non-Profit-Organisationen sind abhängig von Förderungen oder Spenden. Sozialunternehmertum könnte ein dritter Weg sein, und für uns war es der auch. Für Menschen mit Ideen, weil es ein spannender Bereich ist und eine Möglichkeit, eigene Visionen und das Gute in der Welt mit einem Unternehmen zu erreichen, dass man selbst startet. Ich habe so viele spannende Erfahrungen gemacht, die ich in einem normalen Angestelltenverhältnis so nicht gemacht hätte. Man ist einfach gezwungen, ständig zu lernen, sich ständig weiterzuentwickeln. Und wer das mag, findet schnell eine Leidenschaft darin.

Zum Weiterlesen

Unternehmerisch handeln: Soziale Geschäftsideen für Non-Profits

Entdecke, wie du wirtschaftlich tragfähige Angebote entwickeln kannst, ohne deine sozialen Ziele zu vernachlässigen.