Praxistipp

Mentoren- und Patenprojekte: Welche Qualitätskriterien braucht es für Patenprogramme?

Wie wirksam sind Paten- & Mentoringprojekte? | Foto: Johnny McClung on Unsplash

Patenschafts- und Mentoring-Projekte sind weit verbreitet, aber keineswegs per se wirksam. Wir haben uns die Gelingenskriterien näher angesehen.

Wie funktionieren Patenprojekte?

In Patenschafts- und Mentoring-Projekten begleiten ehrenamtliche Erwachsene über einen bestimmten Zeitraum regelmäßig ein Kind oder einen Jugendlichen, um dessen Entwicklung durch gemeinsame Aktivitäten zu fördern.

Die Startbedingungen für ein erfülltes Leben sind für Kinder und Heranwachsende in unserer Gesellschaft sehr unterschiedlich, in materieller wie sozialer Hinsicht. Jedoch lässt sich immer wieder beobachten, dass – trotz schwieriger Ausgangssituation – die Entwicklung mancher Kinder besser, mancher schlechter verläuft. Woran liegt es, dass manche Kinder positive Widerstandskräfte – Resilienzen – entwickeln?

Ein wichtiger Faktor ist für Heranwachsende eine nicht-elterliche Bezugsperson. Sie ermöglicht Kindern durch ihre Begleitung, sich trotz widriger Umstände gut zu entwickeln. Hier setzen Patenprojekte an. (Die Begriffe Patenschaft und Mentoring werden in diesem Sinne meist synonym verwendet.)

Das Wesensmerkmal der Patenschaft ist das 1:1-Verhältnis von Pate und Patenkind in einer Art Tandem-Prinzip. Allerdings gibt es in der Praxis auch Abweichungen, z.B. "Paten" für Familien.

In Deutschland gibt es eine sehr bunte Patenprojektlandschaft:

  • Patenprojekte können ganz verschiedenartige Zweckrichtungen verfolgen, z.B. zur Leseförderung, zur Sprachförderung, zur sozialen Integration, zur Persönlichkeitsentwicklung, zum Übergang Schule-Beruf etc. 
  • Es gibt sehr kleine, lokal arbeitende und rein ehrenamtlich strukturierte Patenprojekte, aber auch bundesweit verbreitete Patenprogramme mit professioneller Geschäftsstelle.

Patenprojekte: Schwierigkeiten der Wirkungsmessung

Wie lässt sich feststellen, ob bei Patenkin­dern positiv veränderte Einstellungen und Verhaltensmuster bzw. eine verbesserte Lebenssituation eingetreten sind?

Solche Veränderungen – "Outcomes" – sind bei Patenprojekten nur sehr schwer festzustellen. Insbesondere ist schwierig einzuschätzen, ob ...

  • eine angestrebte Veränderung überhaupt erzielt wurde; z.B. ob eine Persönlichkeitsentwicklung während der Patenzeit stattgefunden hat, 
  • eine Wirkung dauerhaft etabliert ist; z.B. ob Grundschulkinder von einer Lesepatenschaft noch in der weiterführenden Schule profitieren oder 
  • eine Wirkung "ursächlich" auf die Patenschaft zurückzuführen ist. Eine Patenschaft ist einer von vielen Einflüssen auf die Patenkinder; daher lässt sich die Wirkung der Patenschaft meist nicht eindeutig isolieren.

Evaluationen müssen daher immer über einen möglichst langen Zeitraum durchgeführt werden und auf Vergleichen beruhen, z.B. Vorher-Nachher-Vergleich oder Vergleichsgruppen. Das können viele Patenprojekte aber nicht leisten. Aber: Werden die weiter unten genannten Grundsätze eingehalten, was selbst für kleine Non-Profits möglich ist, kann von einem hohen Wirkungspotenzial der Patenprojekt­arbeit ausgegangen werden!

Ergebnisse wissenschaftlicher Evaluationen

Es gibt international zahlreiche wissenschaftliche Evaluationen von Patenprojekten. Vor allem in den USA ist die Wissenschaftsforschung auf diesem Gebiet weit fortgeschritten. Ein wichtiges Vorreiterprojekt ist hier das Projekt Big Brothers Big Sisters. In Deutschland ist das Thema lange nicht so ausgiebig erforscht wie in den USA oder England, aber es gibt auch hierzulande einige Studien. 

Eine Auswertung von 55 Evaluationen aus den USA und England zeigte beispielsweise, dass die Patenproramme vieler Organisationen nicht halten, was sie versprechen. (Zum Weiterlesen siehe die Tipps ganz unten). Patenprogramme haben in manchen Fällen gar keine Auswirkung auf die Entwicklung von Heranwachsenden oder können (in seltenen Fällen) sogar mehr Schaden anrichten als Gutes bewirken.

Im Ergebnis muss man – ernüchtert – feststellen, dass es gibt keinen generellen Beweis für oder gegen Patenprojekte gibt. Natürlich können Patenprojekte wichtige Potenziale wecken und eine wertvolle Unterstützung für Kinder sein; sie haben aber ebenso auch ihre Risiken und Grenzen, die beachtet werden müssen.

Aus diesem Grunde geben wir nun einige praktische Hinweise zum Gelingen eines Patenprojekts:

Wirkungsorientierung: Wie können Paten- & Mentorenprojekte gelingen?

Das Einhalten von Qualitätsstandards ist eine unabdingbare Voraussetzung, wenn ein Patenprojekt aufgesetzt werden soll. Im Weiteren muss aber auch die laufende Projektarbeit wirkungsorientiert gestaltet werden, damit ein Patenprojekt effektiv sein kann. So kann der Erfolg eines Patenprojekts nur abgeschätzt werden, wenn konkrete Ziele und Erfolgsindikatoren bestimmt werden. Dazu muss eine regelmäßige Qualitätskontrolle und Qualitäts(weiter)entwicklung etabliert sein.

Qualitätsstandards für Paten- & Mentorenprojekte

Die 5 wichtigsten Kriterien für das Funktionieren eines Patenschaftssystems sind:

  • Auswahl und Matching sorgfältig vornehmen: Entwickelt ein Konzept für die Ansprache und Auswahl geeigneter Personen. Die Pat*innen müssen in der Regel bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten mitbringen und sich für die Projektidee begeistern. Legt in jedem Fall Anforderungen fest, die die Pat*innen erfüllen sollen – z.B. mindestens ein unauffälliges polizeiliches Führungszeugnis sowie menschliche Reife und Neugier.

    Der Matching-Prozess ist das Herzstück der Projektarbeit: Nur wenn die Tandempartner persönlich harmonieren, wird sich das Patenkind während der Patenschaftszeit weiterentwickeln. 
  • Für Schulung und fachliche Begleitung sorgen: Wichtig ist zunächst eine geeignete Qualifizierung und Weiterbildung der Pat*innen. Vor Übernahme des Patenamtes sollte es eine ausführliche Einführung oder Basisqualifizierung geben (ggf. auch mit Hospitationen). Während der Patenschaft ist aber auch eine laufende Fortbildung nicht zu vernachlässigen, etwa durch begleitende Beratungs- oder Weiterqualifizierungs­möglich­­keiten.

    Neben der Fortbildung sollte es regelmäßige Treffen der Pat*innen und Supervision geben, die der individuellen Reflexion und dem Erfahrungsaustausch sowie der Fallbesprechung dienen. Dabei sollten Pat*innen und Patenkinder immer auf die Unterstützung der Projektmitarbeiter*innen vertrauen können – besonders, wenn sie Fragen oder Schwierigkeiten haben oder Anregungen brauchen. Ebenso wichtig ist aber auch, dass ihr (ehrenamtlicher) Einsatz anerkennt und wertgeschätzt wird. 
  • Paten-Aktivitäten regelmäßig ermöglichen: Entscheidend für den persönlichen Entwicklungsprozess der Patenkinder sind Häufigkeit und Qualität der Paten-Kontakte bzw. -Aktivitäten.  
  • Eltern und Lehrer*innen einbinden: Eltern und Lehrer*innen sind Schlüsselakteure im Umfeld von Patenschaften, denn sie sind entscheidende Unterstützer der Tandems. Patenschaftsprojekte sollten daher die Eltern und Lehrer*innen mit einem gezielten Angebot einbeziehen. 
  • Dauer und Abschluss der Patenschaft gestalten: Damit sich eine persönliche Patenbeziehung entwickeln kann, ist eine gewisse Dauer erforderlich. Das Ende der Patenschaft ist dann sowohl für das Patenkind als auch für die Pat*in ein wichtiger Einschnitt. Überlegen Sie deshalb, wie Sie diesen Abschluss gestalten und den Tandempartner*innen dabei helfen können, die Zeit nach der Patenschaft zu planen.

Qualitätskontrollen bei Paten- & Mentorenprojekten

Durch das Einhalten von Qualitätsstandards ist zwar sichergestellt, dass ein Patenprojekt gut aufgesetzt wird. Um aber sicherzustellen, dass das Patenprojekt auch im weiteren Verlauf zu dauerhaft positiven Wirkungen für die Patenkinder führt, muss eine wirkungsorientierte Steuerung während der gesamten Laufzeit der Projektarbeit etabliert werden. Hierfür ist Folgendes wichtig:

  • Bedarfslage feststellen: Ausgangspunkt ist die Beschreibung der Problemlage, für die das Patenprogramm eingesetzt werden soll. Dazu gehört auch die Überprüfung des Bedarfs und der Geeignetheit des Einsatzes von Pat*innen. Denn ein Patenprogramm ist kein Allheilmittel. 
  • Ziele und Indikatoren entwickeln: Aus der Bedarfsanalyse sind konkrete Ziele zu entwickeln – "Was möchten wir mit unserer Arbeit bewirken?". Diese sollten so detailliert formuliert sein sollten, dass daraus Indikatoren für das Monitoring abgeleitet werden können, mit deren Hilfe später überprüft werden kann, ob die Ziele auch erreicht wurden. 
  • Prozesse und Verantwortlichkeiten festlegen: Im Vorfeld erstellt werden sollte ein Arbeitsplan, der konkrete Arbeitsschritte mit Zeitangaben und Meilensteinen beinhaltet, sowie ein Budgetplan, der Risiken benennt (Ausfälle, zusätzliche Kosten) und Vorkehrungen enthält, um auf die Risiken reagieren zu können.

    Für den weiteren Projektverlauf sollten standardisierte Prozesse und Materialien (insbesondere zur Einführung der Pat*innen – z.B. Infomaterial, Veranstaltungsformate, Checklisten) erarbeitet werden. Wichtig ist nicht zuletzt auch ein internes Monitoring, das das Erreichen der Ziele (s.o.) anhand der Indikatoren regelmäßig und systematisch überprüft.

Qualitätsentwicklung in Paten- & Mentorenprojekten fördern

Damit sich ein Patenprojekt immer weiterentwickeln kann, sollten die Ergebnisse der Projektarbeit wahrgenommen, selbstkritisch besprochen und Erfahrungen ausgetauscht werden. Nur so kommt ein Lernprozess in Gang.

  • Ergebnisse kommunizieren: Zunächst ist es wichtig, dass sich die aktiv tätigen Projektmitarbeiter*innen – Projektleitung, Koordinator*innen, Pat*innen – gegenseitig über Resultate, Erfolge und Misserfolge im laufenden Patenprojekt informieren. Gegenüber der Öffentlichkeit und den Zuwendungsgebenden sind zudem jährliche Wirkungsberichte über die Projektarbeit sinnvoll. 
  • Erfahrungen austauschen: Alle Projektmitarbeiter*innen sollten regelmäßig ihre Erfahrungen austauschen. Dabei kann es auch sinnvoll sein, ehemalige Pat*innen zur Information und Orientierung neuer Pat*innen in die Arbeit einzubeziehen, z.B. im Rahmen von Einführungsveranstaltungen oder Workshops. Schließlich bieten auch der Austausch und die Vernetzung mit anderen Patenschaftsprojekten wichtige Anregungen zur eigenen Qualitätsentwicklung. Im Vergleich mit diesen lässt sich ausloten, wie ähnliche Projekte arbeiten, welche Schwerpunkte sie setzen und welche Strukturen sie haben. 
  • Lernkultur entwickeln: Der Informations- und Erfahrungsaustausch sollte möglichst verstetigt und institutionalisiert werden, damit sich eine Lernkultur entwickeln kann. Hilfreich können hierbei verschiedene Formate sein. Ein Stammtisch etwa ist eine günstige Möglichkeit, Patenschaftsprojekte regelmäßig zusammen zu bringen. Beim Format "Wechselnde Gastgeber*innen" wiederum übernehmen die Teilnehmenden abwechselnd die Organisation und Ausrichtung eines Treffens. Außerdem können thematisch verwandte Veranstaltungen Dritter eine gute Gelegenheit für ein Huckepack-Treffen bieten. Schließlich kann ein Online-Bereich für die Beteiligten die Vernetzung unterstützen; er dient als Materialspeicher für den Erfahrungsaustausch.

Liste beispielhafter Patenprojekte

Von PHINEO empfohlene Patenprojekte, deren Wirkungspotenzial erwiesen ist, sind u.a.

Zum Weiterlesen

Viele praktische Hilfen stellt die Bundesservicestelle "Aktion zusammen wachsen – Bildungspatenschaften stärken, Integration fördern" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zur Verfügung.

Der Sammelband "Engagement für Integration und Teilhabe in der Einwanderungsgesellschaft" hält neueste Forschungen und Analysen bereit. 

Neu und bahnbrechend sind die Studien eines Teams um den Verhaltensökonomen Armin Falk, der mit einer Langzeitstudie schon diverse beachtliche Beweise für unterschiedliche Effekte vorgelegt hat, etwa die Artikel beim untersuchten Programm "Balu und Du"

Nicht vorhalten möchten wir auch die differenzierten Darlegungen der wissenschaftlichen Erforschung und eine internationale Debatte dazu, wie sie im Fachbrief für Mentoring und Patenschaften aufgegriffen werden.  

In Sachen Qualitätsstandards hat das Netzwerk Berliner Kinderpatenschaften e.V. die US-amerikanischen Leitlinien ins Deutsche übersetzt, als eine Quelle der Orientierung für best practices.

(Für die zahlreichen Anregungen zum Weiterlesen danken wir unserem Leser Bernd Schüler: Tausend Dank!)

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