Austausch

Umgang mit Krisen: Wieso kleine Organisationen der Motor von Veränderung sind

Foto: Yulia Grigoryeva/Shutterstock

Wie gehen engagierte Menschen mit Krisen um? Die LEAD Academy hat in unserer virtuellen Kaffeepause gemeinsam mit 1:1 CONCERTS ihre aktuelle Studie "Die Lösung sind wir" vorgestellt.

„Wenn wir die Schlagzeilen aus dem Frühjahr des vergangenen Jahres nehmen und das Wort ‚Masken‘ durch ‚Impfstoff‘ ersetzen, dann können wir sie direkt für die Zeitungen von heute übernehmen“, sagt Ben Sahlmüller von der LEAD Academy. Politik und Verwaltung stehen noch vor genau den gleichen Herausforderungen wie vor zwölf Monaten. Die Krise dominiert noch immer alles. Überraschender Weise sieht das bei kleinen Organisationen häufig aber ganz anders aus. In Zeiten von Krisen passiert bei ihnen ganz viel, es entsteht Neues, Kreativität wird freigesetzt und Probleme werden an der Wurzel gepackt. Wieso können Politik und Verwaltung nicht genau so reagieren und woran scheitern gestandene Manager*innen, die doch eigentlich das Handwerkzeug für Krisenmanagement von der Pike auf gelernt haben? Genau damit hat sich die LEAD Academy mit Ben Sahlmüller in einer Studie auseinandergesetzt.

Was funktioniert, wächst von selbst

Dazu wurden zunächst die zivilgesellschaftlichen Entwicklungen während der sogenannten „Flüchtlingskrise“ 2015/16 näher betrachtet. Es entstanden wie aus dem Nichts viele kleine Initiativen, die erstaunlich gut organisiert waren und funktionierten. Die Lösungen dieser neuen Organisationen waren dabei schneller und effektiver als staatliche Angebote. Ben Sahlmüller berichtete von seiner Beobachtung, dass der Hauptansatz, mit dem viele Führungskräfte Probleme angehen, nicht mehr stimmt. Es wird immer noch zu viel Wert auf Handwerkszeug, auf Tipps und Tricks gelegt. Darauf basierend werden langfristige Top-Down Ideen formuliert, strukturiert und eingeführt.

Kleine Organisationen gehen oft genau andersherum vor: Sie probieren einfach etwas aus, unstrukturiert und im Kleinen. Was funktioniert, wächst von selbst. Regelbücher werden oft erst im Nachhinein geschrieben.

Von der spontanen Idee zu einer weltweiten Bewegung

Franziska Ritter ist Gründerin von 1:1 CONCERTS. In der Kaffeepause berichtete sie, wie sie mit zwei Kolleg*innen die Idee hatte, über Mini-Konzerte Nähe trotz Distanz in Zeiten der Corona-Pandemie zu schaffen:

Ein*e Musiker*in begegnet eine*m Zuhörer*in. Zunächst sehen sich beide eine Minute lang in die Augen. Dann entscheidet sich, welches Lied gespielt wird. Zehn Minuten lang dauert das intime Konzert, dann schreiben sich beide Teilnehmenden noch einen kurzen Brief. Und die Wege trennen sich wieder. Mit den Konzerten werden Spenden gesammelt für freiberufliche Musiker*innen, die während der Corona-Krise keine Aufträge mehr haben.

Die Idee, die so klein begann, ging schnell um die Welt. 2020 konnte Franziska Ritter über 7000 Konzerte weltweit zählen, dabei wurden allein in Deutschland über 150 000 Euro Spenden gesammelt.

Die Organisation erfolgt im reinen Ehrenamt. Erst mit der Zeit stellte das Dreierteam allen Interessierten Mustertabellen und Leitfäden zur Verfügung. Es gibt zwar einen Slack-Kanal für alle Engagierten, aber prinzipiell lebt die Bewegung vor sich hin – ohne Führung und ohne feste Regeln.

Führung heißt, radikal Verantwortung zu übernehmen

Ben Sahlmüller machte deutlich, dass hier keine rationale Strategie entwickelt wurde. Stattdessen standen Emotionen und die Veränderung im Mittelpunkt. Anfang und Ende des Konzepts sind nicht klar, oftmals wirken solche Initiativen chaotisch. Und doch sind sie es, die den Wandel gestalten. Hier zeigt sich, dass Führung oftmals bedeutet, radikal Verantwortung zu übernehmen. „Führung heißt, sich die Frage zu stellen: ‚Wieso nicht ich?‘ und Ideen zu verfolgen, die man im Alltag findet.“, sagte Ben. Daraus entstehen oftmals Kettenreaktionen. Andere Menschen greifen den Vorstoß auf und etwas Großes kann entstehen – ganz ohne Struktur und Regeln.

Autorin: Merle Becker

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